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Kleine Chronik
Vorgängerin Kruppsche Bücherhalle (1899 - 1966)
Die 1899 für die Werkangehörigen der Gussstahlfabik gegründete Kruppsche Bücherhalle unterhielt eine „Abteilung vornehmer Musik“ mit 852 Bänden Musikliteratur und 360 Musikalien. Sie erfreute sich großer Beliebtheit, wohl nicht zuletzt infolge des damaligen Aufschwungs Essens als Musikstadt. 1966 wurden ihre Bestände in die Stadtbibliothek eingegliedert.
„Musikalische Volksbücherei der Stadt Essen“ (1930 - 1932)
Die Idee einer „musikalischen Volksbibliothek“ geht auf den Münchner Kulturphilosophen und Musikschriftsteller Paul Marsop zurück, der bis zum Ende des ersten Weltkriegs eine Welle an Musikbibliotheksgründungen bewirkte. Am 1. Oktober 1930 öffnete auch die „Musikalische Volksbücherei der Stadt Essen“ ihre Pforten - als Abteilung der Zentralbibliothek, die im Juni desselben Jahres endlich den seit der Gründung der Stadtbüchereien 1902 ersehnten Neubau in der Hindenburgstraße beziehen konnte. Grundstock war eine Schenkung des musikpädagogischen Verbandes von 8371 Musikalien. Von Anfang an waren Werke „einheimischer Komponisten“ vertreten, eine Tradition, an die heute die Musikbibliothek mit ihrer Sammlung "Komponisten im Ruhrgebiet" wieder anknüpft.
Erster hauptamtlicher Musikbibliothekar war der Österreicher Dr. Ernst Reichert, der die Leitung der Musikbibliothek von ihrer Eröffnung bis 1944 innehatte. Unter ihm nahm die neue Institution einen ungeahnten Aufschwung und eroberte sich schnell einen bedeutsamen Platz als bürgernahes musikalisches Zentrum in der Stadt. Nach dem Krieg lehrte Reichert als Professor am Mozarteum in Salzburg sowie an der Wiener Akademie für Musik in Wien und erwarb sich einen Ruf als Liedbegleiter von berühmten Interpretinnen und Interpreten wie Maria Cebotari, Hilde Güden, Irmgard Seefried und Julius Patzak.
Die Musikbücherei während der NS-Zeit (1933 - 1945)
Bis 1943 entwickelte sich die „Musikalische Volksbücherei“ zu „einer musikalischen Anregungs- und Mittelstelle für alle Freunde der öffentlichen Musikpflege und der Haus- und Gemeinschaftsmusik Essens“ mit 13.100 Noten, 2500 Musikbüchern und 400 Schallplatten (Neues aus Essen, 5, 1941). Sie verfügte über ein Studierzimmer mit Klavier, einen Musikraum für 120 Personen mit 2 Flügeln und Cembalo sowie über einen Schallplatten- und Ausstellungsraum.
1940 fand der Ankauf großer Musiker-Gesamtausgaben aus „dem Nachlass eines Wiener Musikfreundes“ in der örtlichen Tagespresse besondere Erwähnung. Wie sich erst 2001(!) im Zuge der Aufarbeitung der Geschichte der Musikbibliothek herausstellen sollte, handelte es sich bei der sog. Sammlung Jellinek-Mercedes um von den Nazis enteignetes jüdisches Kulturgut. Der frühere Besitzer war Fernand Raoul Jellinek-Mercedes, förderndes Mitglied des Wiener Musikvereins und Sohn des bekannten Daimler-Benz-Beraters Emil Jellinek-Mercedes. Er hatte Selbstmord begangen, weil er den Druck der Verfolgung durch das Nazi-Regime nicht mehr verkraften konnte. Mit den Nachkommen der Familie bemühte sich die heutige Bibliotheksleitung um Wiedergutmachung in Form einer zumindest symbolischen Entschädigung. Der Umgang der Stadtbibliothek Essen mit diesem „Erbe“, das während des Krieges ausgelagert war und später wieder in die Musikbibliothek integriert wurde, fand in Fachkreisen und Medien überregional Anerkennung.
Provisorium, Wiederaufbau und Umbau (1946 - 1987)
In der Nacht vom 26. zum 27. Juli 1943 wurde die Stadtbibliothek durch einen Großangriff fast vollständig zerstört. 1956 erfolgte an gleicher Stelle die Eröffnung der wieder aufgebauten Bibliothek mit der Musikabteilung im 1. Obergeschoss. 1974 war die Essener Musikbibliothek mit 24.000 Noten, 7600 Büchern und 2150 Schallplatten wieder die größte Einrichtung ihrer Art in Nordrhein-Westfalen. Mit der Zeit wurden jedoch die beengten räumlichen Verhältnisse der Stadtbibliothek zunehmend zum Hindernis für die Belange einer modernen Bibliothek.
Die Jahre im Gildehof-Hochhaus (1988 - 1999)
1988 erhielt die Zentralbibliothek im neu erbauten Gildehof-Hochhaus an der Hollestraße ein neues Domizil. Die üppige technische Ausstattung der Musikbibliothek auf der 3. Etage (16 Hörplätze, Musikübungsraum mit Klavier und Tonstudio) vermochte jedoch auf Dauer nicht über die zunehmenden Lücken im Bestandsangebot hinwegzutäuschen. Wegen der angespannten Haushaltslage der Stadt flossen die Etatmittel für die Stadtbibliothek immer spärlicher. Die Musikbibliothek fiel deutlich hinter vergleichbare Einrichtungen zurück. Die negative Entwicklung konnte erst ab Mitte der 90er Jahre umgekehrt werden, nicht zuletzt dank der mehrmaligen Förderung durch die G.D. Baedeker-Stiftung. In dieser Zeit hatte mit der CD auch ein neuer Tonträger Einzug gehalten, der bald der Schallplatte den Rang ablaufen sollte.
Die Musikbibliothek in der neuen Zentralbibliothek seit 1999
1999 wurde das benachbarte ehemalige Gildehofbad zu einer attraktiven modernen Bibliothek umgebaut. Mit dem Umzug begann nicht nur für die Musikbibliothek eine neue Ära. Die bessere personelle, finanzielle und technische Ausstattung bewirkte einen rasanten Aufschwung in der Ausleihentwicklung, der bis heute anhält. Die von einem imposanten Glasdach überspannte Galerie bot nach langer Zeit wieder Raum für Konzerte und musikalische Lesungen. 2001 fand erstmalig die Jahrestagung der Musikbibliotheken Deutschlands (AIBM) in Essen statt. Mit fünf Konzerten und einer Plakatausstellung zum Thema „Essen.Musik - von hymnisch bis hitverdächtig“ feierte die Musikbibliothek im Herbst 2005 ihr 75jähriges Jubiläum. Die Website unter www.musik.essen.de mit vielen Informationen und Bildern zum Essener Musikleben basiert auf dieser Ausstellung.

Die Ausleihe der Kruppschen Bücherhalle in Essen

Dr. Ernst Reichert, erster hauptamtlicher Musikbibliothekar

Ausstellungstafel der Musikbücherei im Rahmen der Buchwoche 1937 der Stadtbüchereien

Ausstellungsraum der Musikbibliothek um 1940

Hörplätze in der Musikbibliothek im Gildehof

Musikbibliothek heute - Ausleihbereich mit Digitalpiano

Literatur:
Musik - Hören.Lesen.Wissen : 75 Jahre Musikbibliothek der Stadtbibliothek Essen ; 1930 - 2005.
Hrsg.: Stadtbibliothek Essen. Red.: Reinhard Brenner, Verena Funtenberger. - Essen : Amt für Zentralen Service, 2005. - 35 S. : Ill.
Musikbibliothek heute - Blick auf die CD-Regale