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Sammlung Jellinek-Mercedes

Eine Besonderheit im Bestand der Musikbibliothek ist die sogenannte Sammlung Jellinek-Mercedes. Es handelt sich dabei um eine rund 1.000 Bände umfassende Sammlung von großen Musikergesamtausgaben, die seit Mitte des 19. Jahrhunderts vornehmlich im Verlag Breitkopf und Härtel erschienen waren. Diese wurde Anfang 1940 vom damaligen Musikbibliothekar, einem Österreicher, in Wien "legal" angekauft. Die Ankaufswege und der damalige Lieferant sind leider heute nicht mehr zu ermitteln.

Bei ihren Forschungen zur Geschichte der Musikbibliothek, die 2005 ihr 75jähriges Jubiläum feiern konnte, stieß Verena Funtenberger, die Leiterin der Musikbibliothek, auf die Nachfahren des ehemaligen Besitzers dieser Musikaliensammlung. Dabei zeigte es sich, dass es sich bei diesem Ankauf um einen Teil der 1939 durch die Gestapo beschlagnahmten Musikaliensammlung von Dr. Fernand Raoul Jellinek-Mercedes handelte, einem Enkel des bekannten Rabbiners Adolf Jellinek und einem Sohn jenes berühmten Geschäftsmannes und Beraters der Daimler-Motoren-Gesellschaft Emil Jellinek-Mercedes, nach dessen Tochter Mercedes das gleichnamige Auto benannt ist. Fernand Raoul Jellinek-Mercedes hatte am 02.02.1939 in seiner Wohnung in Baden bei Wien Selbstmord begangen, weil er den Druck der Verfolgung durch das Nazi-Regime nicht mehr verkraften konnte.

Von der relativ großen und ursprünglich sehr begüterten Familie Jellinek-Mercedes lebte nur noch eine inzwischen neunzigjährige Tochter aus der 2. Ehe von Emil Jellinek-Mercedes, Frau Andrée Jellinek-Mercedes in Wien. Da die Familie ihr gesamtes Vermögen in Österreich durch die Nazi-Herrschaft verloren hatte, lebte Frau Jellinek-Mercedes von einer äußerst bescheidenen Rente. Nach der ersten Kontaktaufnahme wurde sie vertreten durch ihren Schwiegersohn, den Botschafter in Ruhe Dr. Ludwig Steiner, Vorsitzender des Komitees des Österreichischen Versöhnungsfonds in Wien. Aus moralischen Gründen wie auch im Hinblick auf den „Aufruf zur Wiedergutmachung durch deutsche Städte“ des Deutschen Städtetags vom 24.04.2001 stellte sich die Frage der Rückgabe der Sammlung oder einer angemessenen Entschädigung.

Beide Seiten waren von vornherein bemüht, eine im gemeinsamen Interesse liegende Lösung zu finden: Die Stadtbibliothek war selbstverständlich bereit, die Sammlung zurück zu geben, sofern dies von Frau Jellinek-Mercedes gewünscht worden wäre. Aufgrund der langen Geschichte dieser Sammlung in Essen und angesichts ihrer inhaltlichen Bedeutung für die Musikbibliothek war sie aber natürlich auch daran interessiert, diese in Essen zu behalten.

Nachdem Dr. Steiner mit seiner Ehefrau, der Tochter von Frau Andrée Jellinek-Mercedes, für einen Tag lang in Essen zu Besuch war, um die Musikaliensammlung zu besichtigen und zu beurteilen, wurde deutlich, dass sie durchaus bereit waren, die Sammlung in Essen zu belassen. Angesichts der schlechten finanziellen Lage von Frau Andrée Jellinek-Mercedes wurde in den Gesprächen jedoch auch spürbar, dass diese Bereitschaft mit der Erwartung einer zumindest symbolischen finanziellen Entschädigung verbunden war. Anfang 2003 konnte der Fall in diesem Sinne und in vollem beiderseitigem Einvernehmen mit dem Abschluss eines entsprechenden Vertrages abgeschlossen und die Sammlung Jellinek-Mercedes endgültig für die Stadtbibliothek gesichert werden.

Eine ausführliche Dokumentation des Falles ist mit dem Abdruck des Briefwechsels zwischen den beteiligten Partnern in Heft 5/2004 der bibliothekarischen Fachzeitschrift BuB – Forum für Bibliothek und Information erschienen. Eine Kopie kann bei Interesse in der Stadtbibliothek angefordert werden. Darüber hinaus hat die Stadtbibliothek über diese Angelegenheit am 10./11.05.2005 beim internationalen 2. Hannoverschen Symposium zum Thema „Jüdischer Buchbesitz als Raubgut“ berichtet, das von der Niedersächsischen Landesbibliothek Hannover und der Stiftung Preußischer Kulturbesitz veranstaltet wurde. (Vgl. dazu: Jüdischer Buchbesitz als Raubgut. Wiesbaden: Klostermann 2005.) Die skizzierte Essener Lösung des Falles Jellinek-Mercedes, über die inzwischen auch WDR 3 berichtet hat, wird überregional als musterhaft eingeschätzt.

Text: Reinhard Brenner

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